Geschlechtlichkeit und Heilung. Kommentar, erschienen im Vorarlberger Kirchenblatt am 23. November 2023

Der nüchterne Kant konnte über die Geschlechtlichkeit des Menschen nur staunen, über dieses Sakrament, die Hilfe füreinander, wie sie die das Buch Genesis (Ba-reshit) nennt. Eine Sammlung von Liebesgedichten, das Lied der Lieder (Shir ha-shirim), hat einen zentralen Platz in der Bibel. Und doch erweist sich die göttliche Erfindung der Sexualität immer wieder als Desaster. Nicht zuletzt in der Kirche, in den Kirchen, auf allen Kontinenten, in West und Ost. Das mag nichts Neues sein, aber im Internetzeitalter werden auch theologisch verbrämte sexuelle Not und Nötigung und ihre Folgen rasch publik, sodass heute manche und mancher, orientiert an kirchlicher Tradition und/ oder von der Fülle des Evangeliums lebend, die Welt nicht mehr versteht.

Die Liebe — Sinn der Sexualität — brennt immer, Feuer, das keine Flut löschen kann. Leib und Geschlecht sind eine ewige Frage an jeden Menschen in seiner Verantwortung, an jedes Wesen, das Menschengesicht trägt, ob Frau oder Mann; auch an die Kirche, die das «Leben in Fülle» predigt.

Eine Antwort heißt Laisser-faire, Libertinage, «ausleben». Ein Wort wie herabgezogene Mundwinkel. Und zugleich ein riesiges Fragezeichen, ein einziges Problem, das so tut, als wäre es keines. Diesen Sommer* hat der Präsident eines großen EU-Landes ausgesprochen, was man lieber nicht wissen will, nämlich: «In jeder Schulklasse sitzen zwei-drei Kinder mit Inzest-Erfahrungen», für ihr Lebtag gezeichnet. Wikipedia zufolge mache die Sex-Industrie allein in den USA mehr Profit als Hollywood; im World Wide Web führe ein Drittel aller Clicks auf eine Porno-Seite.

Angesichts solcher Versklavung und profitabler Aufgeilung lautet die «fromme» Alternative: Zum Teufel mit dem Erotischen, mit Begehren und Sehnsucht! Nur dass es durch die Hintertür zurückkehrt, als Autoritätsmissbrauch, Verführung, Lüge, Unglaubwürdigkeit. Wir erleben es gerade.

Lustprinzip oder Askese? Weder das Eine noch das Andere wird der Sexualität gerecht, beide sind keine Lösung. Und sie hängen zusammen. Denn was der Asket, der den eigenen Leib straft, was der Wächter über den Leib Anderer, was der Verführer und was der Vergewaltiger im Auge haben, sind näher besehen — sie selbst. Sie selbst und ihre Macht über andere. Würden sie den Blick heben auf das «Objekt der Begierde», frei und offen, so würden sie den Menschen erkennen, seine Lebensgeschichte und Bestimmung. Und Befriedigung wie Verdammung der «sexuellen Bedürfnisse» bekämen sofort ein anderes Gewicht; nötige Verzichte würden leicht. Wozu heroische Asketen? Wozu Don Juans? Was fehlt, sind Liebende.

Das Feuer der Geschlechtlichkeit brennt unabhängig von Alter, Gesundheit, Stand, Aussehen, Besitz, Tradition, in Europa, Afrika, Lateinamerika, überall, und hört nie auf zu brennen. Kein Leben ohne Eros und Sexualität. «Der Verzicht auf die Zärtlichkeit einer Frau, das war für mich ein Dauerschmerz, jeden Tag, das Leben lang», sagte der alte Abbé Pierre, der einst die Obdachlosen in den Pariser Straßen nicht übersehen konnte und «Emmaus» gründete: Ein offenes Wort, nur dass es mit dem “Verzicht” in seinem und in vielen ähnlichen Fällen nicht weit her war; der nun entzauberte Held hat unter dem Mantel des Zölibats Frauenleben zerstört, während Zuständige wegschauten, aus falscher Scham oder weil ihnen Anderes wichtiger war als Menschen. Vom Schöpfer der Mosaike von Lourdes bis zum fundamentalistischen Mönch und Kardinal - Legion sind die geistlichen Gurus und Amtsträger, die “doch nur Männer” waren und sind. Dass Familienväter, Soldaten und andere Folterer - selten weibliche - systematisch und massenhaft noch schlimmere geschlechtliche Gewalt ausüben, ist schlechter Trost. Heute erheben nicht Nazis, nicht notorische Kirchen- und Christenhasser Anklage, sondern Frauen und Kinder, spät, zu spät oft, nachdem ihnen die Würde als Mensch, als geschlechtliches Wesen genommen wurde. Bagatellisieren geht nicht mehr.

Aber auch moralische Empörung und pauschales Urteilen nützen nicht, im Gegenteil. Vielmehr: Jedermann und Jedefrau ist gefordert, mehr denn je, die Lebensform zu finden, in der seine Geschlechtlichkeit wärmt statt schadet. Eine Lebensaufgabe; Gesetz und Moral ersparen sie keinem und keiner. Die Ehelosigkeit von Weltpriestern nach mönchischem Muster war einmal als Segen gedacht; sie sollte dem Pfründe-Unwesen ein Ende setzen. Heute leben Unzählige zölibatär, die mit der Kirche nichts am Hut haben, in ihren Berufen als Lehrerin, Pfleger, Politikerin, Ärztin: Oft zum Segen für viele und damit für sie selbst, oft unglücklicherweise, oft fehlt die Wahl. Oft ist Ledigkeit eine Phase im Leben (erstaunlich, dass man diese Möglichkeit in der Kirche nicht erwägt).

Auf der anderen Seite: Warum das Wegschauen, wenn eine Ehe ein Gefängnis ist? Warum die Häme derer in geordneten Verhältnissen, wenn andere in Liebe, Verantwortung, auch Not, ein “Verhältnis” eingehen? Kein Freibrief für Seitensprünge ist gefragt, aber der Blick der Liebe, der Blick dessen, der wusste, der Frau mit dem schlechten Ruf zu seinen Füßen wird viel vergeben, weil sie eine Liebende ist. Warum der soziale Tod für die Minderheit liebender Homosexueller, der Hass auf sie? Wo bleibt das Mitfreuen mit einem Paar, das sich gefunden hat, und seinen Platz in der Welt? Warum bitter und neidisch, ein Aufpasser oder eine Aufpasserin werden, wenn einem selbst Krankheit oder andere Umstände ein asexuelles Leben abverlangen?

Die Geschlechtlichkeit ist nicht dazu da, das Leben zu vergiften. Paulus hielt sie im Überschwang seiner Christus-, seiner Heilserfahrung für einen “Stachel”, Augustinus, der sie als Zerstreuung erlebt hatte, für ein notwendiges Übel. Wie aber, wenn sie mitsamt dem Nein, das dazugehört - denn es geht immer um die Freiheit zweier Menschen, die einander Hilfe sein sollen - Ausrichtung wäre auf das, was dem Leben Sinn gibt? Es heißt «Du».

  • Der Kommentar erschien im Vorarlberger Kirchenblatt am 23. November 2023; er wurde 2025 aktualisiert.

    Im Nachbarland Schweiz war gerade — dank einer Untersuchung durch unabhängige Wissenschaftler:innen im Auftrag der Schweizer Bischofskonferenz — jahrzehntelanger sexueller Missbrauch durch zölibatäre Kleriker in etwa tausend Fällen publik geworden.