Um die Frage nach dem Erhalt des Menschengeschlechts zu beantworten - Weltwochenweisheit

Abstract

für die, die keine Zeit haben, die ausführliche Auseinandersetzung mit einer ‘Story’ in der Rubrik ‘Weisheit des Herzens’ des Schweizer Wochenmagazins „Die Weltwoche“ (https:weltwoche.ch/story/das-mindset-des-menschen) zu lesen:

Leute, regt euch ab! Unsere Zeit ist wie alle, Korruption und Krieg sind der Normalfall. Was wollen denn die ewigen Weltverbesserer? Die menschliche Geistesverfassung, pardon, das Mindset, ist das Problem! Wozu sich lang plagen mit genauen Formulierungen, mit der Grammatik, mit der Bedeutung von Worten? Die ändert sich sowieso dauernd, und Denglisch geht immer; oder man zitiert einen bekannten Autor, auch wenn man ihn nicht versteht. Was heißt schon verstehen? Denken ist einfach ein Abstraktions-Sport.

Für die, die Zeit haben (circa sieben bis acht Minuten), hier der Kommentar :

Weltwochenweisheit

Um die Frage nach dem Erhalt des Menschengeschlechts zu beantworten

Zu einer Kolumne im Schweizer Wochenmagazin

Die Gedanken sind frei. (Sieben sehr schöne neue Lieder, um 1800)

Though this be madness, yet there is method in it. (Shakespeare, Hamlet)

Nicht einfach, zu hoffen, dass es Auswege gibt aus der Vulgarität unserer Zeit. Einer Epoche, einer Ära, die auch nicht anders ist als jene am Beginn des modernen Menschen im Holozän.

Bis mir eine entzückte Leserin den Beitrag aus der Rubrik Weisheit des Herzens der „Weltwoche“ (Nr. 35/25) schickte, wusste ich nur wie jedermann: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Im Schweizer Wochenmagazin erfahre ich mehr, kaum habe ich zu lesen begonnen; nämlich, dass es eine einfache Hoffnung gibt und eine schwierige: Es sei nicht einfach, zu hoffen.

Der Frau zuliebe lese ich weiter, um sogleich, im gleichen ersten Satz des Textes wieder anzustoßen: Man sucht nach Auswegen aus der Vulgarität unserer Zeit. Habe ich mich verlesen? Unsere Zeit - vulgär? Können nicht nur Menschen und ihre Hervorbringungen, kann die Zeit, kann eine Zeit vulgär sein? - Ich habe mich nicht verlesen, der Kommentar in der einstigen Zeitung, an der Peter Bichsel mitarbeitete lang vor der feindlichen Übernahme (man weiß noch immer nicht, mit welchem Geld) durch einen Journalisten und früheren Nationalrat der bei bundesweiten Wahlen größten schweizerischen Partei, Kaiser bei Vorzugsstimmen und bei Absenzen im Parlament, wurde laut Homepage (https://weltwoche.de) geprüft mit Augenmaß und gesundem Hausverstand.

Vulgarität unserer Zeit: Im zweiten Satz wird deutlich, was das meint. Nicht etwa die ordinäre, abwechselnd superlativische und beleidigende Sprache von Dealmakern à la Donald Trump, so sehr diese unsere Zeit prägt. Vulgär sei unsere Zeit, weil auch nicht anders, weil nichts Besonderes; weil nichts sie unterscheide von anderen Zeiten seit Beginn des modernen Menschen im Holozän; gerade die Gewöhnlichkeit sub specie aeternitatis sei das Schlamassel, aus dem Auswege gefunden werden müssten.

Im Sprachgebrauch hat das Wort „vulgär“einen anderen Sinn. Auch auf Max Frisch kann sich Michael Bahnerth, der Kolumnist mit dem weisen Herzen, nicht berufen, auf dessen Erzählung „Der Mensch erscheint im Holozän“ er anspielt. Ein wenig klingt die Formel nach einem der biblischen sogenannten Weisheitsbücher, dem Buch Kohelet, genauer Kapitel 1, Verse 9 und 10 („Nichts Neues unter der Sonne“) - aber Augenmaß und gesunder Hausverstand verbieten wohl Anleihen bei der Bibel, die „Weltwoche“ ist nicht für fromme Predigten da, das Magazin hat es nicht nötig, etwas zu zitieren, was man bei jeder dritten Beerdigung hören kann. Als „Weltwoche“-Feuilletonist ist man belesen, hat man den Landsmann Frisch auf dem Bücherbrett stehen, steht über den Dingen, und setzt sich per Anspielung und Zitat auch mal locker über den Graben zwischen „links“ und „rechts“ hinweg, zwischen “neokonservativ“ und „linksliberal“, „populistisch“ und „intellektuell“ und wie das Hü lauten mag und das Hott, womit man einst nach dem Wort eines Dialektdichters nicht Menschen, sondern Pferde wies. Den Graben soll es auch in Max Frischs und Köppel-Blochers Schweiz geben.

Nichts Neues unter der Sonne“, alles wie eh und je. Granaten im Kindergarten und Kopftuchverbot, Blut auf dem Folterschragen und Erhöhung der Zölle um hundert Prozent: War es je anders? Nichts Neues unter der Sonne – wie vulgär! (Gemeint ist eher „banal“, aber das Adjektiv wäre zu gewöhnlich, anstößige Wortwahl nicht zuletzt macht dich zum Felsen mitten im Sand hilfloser intellektueller Protestierer.) Wie vulgär, diese unsere Zeit mit ihren Frachtschiff- und Kreuzfahrtgiganten, mit der Überproduktion an Solarpaneelen durch die weltgrößte Plan- und nunmehr auch ein bisschen kapitalistische, ein bisschen freie Marktwirtschaft, mit dem Auftauen der sibirischen Böden und der Hochalpen, mit dem Plastik, das Inseln im Stillen Ozean bildet, damit die Vögel des Himmels bequem zwischenlanden können, und dem Mikroplastik in den Bäuchen, Lungen und Hirnen der Fische und der Burger-Eater. O Vulgarität unserer Zeit, in der Kriege sondern Zahl keinen Anfang haben und kein Ende, von niemandem erklärt und höchstens provisorisch durch „Deals“ beendet werden; wo nicht mehr Menschen andere aufspüren, verfolgen, erschießen, sondern Drohnen, wo der Golfstrom zum Stillstand kommt, nach und nach …,

Vulgarität unserer Zeit. Einer Epoche, einer Ära, die auch nicht anders ist als jene am Beginn des modernen Menschen im Holozän.

Jedes Wort der Kolumne ein Stolperstein: Unsere Zeit? Oder Epoche? Oder doch Ära? Unsere Zeit - Wer gehört zu dem Wir? Ich nicht. Für mich bedeutet „Ära“ nicht das Gleiche wie „Zeit“, ist die von einer Person, Gruppe, Klasse, einem Sachverhalt, einer Not und Notwendigkeit, einem Fühlen, einer Idee geprägte Zeit; und das Wort „Epoche“ richtet die Aufmerksamkeit auf deren Beginn und Ende, auf die Wenden der Zeiten.

Wortklauberei? - Was bleibt dem Lesenden Anderes übrig, wenn er in einem Text bei jedem Wort ausrutscht.

Laut „Weltwoche“ bestehe die Vulgarität unserer Zeit auch darin, dass ein Mensch wie eh und je seit dem Beginn des modernen Menschen im Holozän all die blutigen Kriege, Glaubenskriege, Handelskriege zu führen hat, und daneben all die persönlichen Schlachten … im Verlaufe seines Lebens. In einer Zeit, …

… in der immer weniger immer mehr besitzen, auch das ist nichts Neues, in der sich der Mensch durch Apps und Spritzen und Pülverchen in den neuen Kirchen der Zeit, den Gyms, mehr oder weniger kraftvoll optimalisiert, während in den Weiten um das Gym herum Schindluder mit der Welt getrieben wird.

Gyms sind etwas Neues, für mich. Wie vermutet steht das Wort nicht für „Gymnasien“, sondern ist laut World Wide Web ein denglischer Ausdruck für Fitnessstudios, diese neuen Kirchen der Zeit, in denen mehr oder weniger kraftvoll optimalisiert wird, digital wie analog, durch Apps und durch Pülverchen. Derweil treibe man in den Weiten um die Tempel des Körperkults herum Schindluder mit der Welt. In den Spalten der „Weltwoche“ (Unabhängig. Kritisch. Gut gelaunt https://weltwoche.ch) zunächst mit der Sprache:

Kaum einer interessiert sich mehr wahrhaftig, so scheint es, was jenseits seiner Komfortzone geschieht, was sich da zusammenbraut. Mag sein, dass er die Wolken sieht am Horizont, die Stürme, die sich darin zusammenbrauen, all das unheilvolle Wetterleuchten, er mag das Wiehern und Hufescharren der Pferde der vier Apokalyptischen Reiter sanft vernehmen schon. Aber solang noch ein wenig Sonnenschein in seine private Komfortzone dringt, denkt er nicht allzu viel darüber nach. Er denkt, das wird schon klappen, das Mit-dem-blauen-Auge-Davonkommen. Das ist eine der Fragen aus Max Frischs Fragebogen: Ob einen die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn man selbst und die Bekannten um einen herum nicht mehr sind (sic), wirklich interessiert.

Was für ein Schlamassel, das sich da zusammenbraut! Keiner interessiert sich, was los ist in den Weiten um die privaten Komfortzonen herum: Keinen interessiert die Grammatik, die nach ‘sich interessieren’ ein ‘für’ verlangt. Private Komfortzone und biblische Apokalypse geben sich freundlich die Hand; sanft (sic) hört (vernimmt) man Dürers Rösser wiehern und mit den Hufen scharren. (Wie zärtlich mag in den Ohren des Weisen erst das Drohnengesurr über Gaza und Dnipro klingen?) Man denkt … nicht allzu viel … nach über all das unheilvolle Wetterleuchten und stellt sich bald eine der Fragen aus Max Frischs Fragebogen. - Eine der Fragen? Es ist die allererste, und das im ersten von zehn Fragebogen, und dazu der erste Satz des „Tagebuchs 1966 – 1971“, etwas wie ein Programm. Die Fragestellung provoziert. Frisch erwartet keine Antwort, wie auf keine der Fragen seiner Fragebogen; sie sind ein Stilmittel, er weiß - nein, er hofft -, dass er keine bekommen wird von Leserinnen und Lesern, die ein Herz haben. Die Frage selbst erschüttert in ihrer Fragwürdigkeit. Denn dass der Mensch - in seinem Freundes- und Bekanntenkreis - lebt, ist ja die Ursache, dass er sich für „die Erhaltung des Menschengeschlechts“ „wirklich interessiert“. Was für einen Grund hätte er nach seinem Ableben und dem seiner Bekannten, es zu tun?

Dem Weisen in der „Weltwoche“ fällt das Fragwürdige nicht auf: Ich - Michael Bahnerth - würde die Frage für mich gerne mit ja beantworten. Ist aber schwierig. Meine Existenz (sic) ist bisweilen schon soviel Arbeit, dass ich mich kaum um andere Menschen kümmern kann. Wie soll mich dann und da die Erhaltung des Menschengeschlechts interessieren? Max Frisch wirft fragend einen Blick in den Abgrund der Sinnlosigkeit. Michael Bahnerth, dem die eigene Existenz Arbeit ist, - dann und da und bisweilen (um die Abstraktion zu verbergen, macht er Orts- und Zeitangaben, die keine sind) - denkt nicht allzu viel nach und kann sich kaum um andere Menschen kümmern. Ihm drängt sich dafür gerade (sic – wie konkret !) die Frage auf

ob das Menschengeschlecht es verdient hat, erhalten zu bleiben. Bei Tieren stellt sich die Frage nicht, die haben ihr Schicksal nicht wie wir in die eigenen Hände genommen. Tiere, das kriegen sie irgendwie hin, zerstören in der Regel ihr Habitat nicht. Gut, da ist die brutale Gefräßigkeit von Heuschreckenschwärmen, und mag sein, dass Elefanten da und dort einen Baum zu viel fällen, aber ansonsten leben sie im perfekten Einklang mit allem, vor allem mit sich selbst.

In „Winter in Wien“ kann, wer es nicht weiß, nachlesen, wie wenig weit der perfekte Einklang mit allem bei Tieren geht – in unserer vulgären Zeit ist ein Reinhold Schneider freilich weniger zitabel als ein Max Frisch. Dass sich Elefanten nur selten als Holzfäller betätigen, belegt laut „Weltwoche“den Unterschied zwischen dem Menschengeschlecht, das sein Schicksal in die eigenen Hände genommen hat, und seinen tierischen Verwandten; die Heuschreckenschwärme, ebenfalls als Ausnahme von der Regel der Harmonie in freier Wildbahn angeführt, eher das Gegenteil - denn das Menschengeschlecht ist in der Masse und in der Vereinzelung zu weitaus Grauenhafterem fähig als zu Gefräßigkeit, Kahlfraß, Entlaubung. Wir haben es erlebt und erleben es.

Mag sein. Gut. Da und dort. Irgendwie. Jedenfalls zeigen das Gemurkse um Frieden (sic - welch treffender Ausdruck, denkt man an Darfur, Mariupol, Gaza), die Unfähigkeit einer gerechten Verteilung von Ressourcen (gemeint ist die Unfähigkeit, Ressourcen – was immer das Allerweltswort bezeichnet – gerecht zu verteilen), die fehlende Zurückhaltung und Demut im Umgang mit essbarem Leben (sic), also Fisch und Fleisch (wieder zuerst krampfhafte Abstraktion, um anschließend den Anschein des Konkreten zu erwecken), die Gefräßigkeit unseres westlichen Lebensstils (sic - ‘gefräßiger Stil’, ein Oxymoron beinahe, eines Dichters würdig): Wir haben das Recht auf Erhaltung unserer Spezies bis zur Explosion der Sonne in vier Milliarden Jahren wohl verspielt.

Wir haben vor lauter gestelzter Weisheit des Herzens und zwanghafter Nonkonformität vor allem das Gespür für die Sprache und ihre Grammatik verloren. Auch mit der Physik nehmen wir es nicht so genau: In jedem Lehrbuch steht, dass den Laborexperimenten und entsprechenden Modellen zufolge nicht eine Explosion der Sonne in vier Milliarden Jahren stattfinden, dass sie vielmehr immer heißer und in rund sieben Milliarden Jahren zu einem „roten Riesen“ werden wird, um in weiteren Jahrmilliarden zu verglühen.

Mag sein. Irgendwie. Wir werden’s nicht erleben. Hauptsache eine Zahl; auf den Heiligenschein halbwissenschaftlichen Informiertseins mag man in der Vulgarität unserer Zeit doch nicht ganz verzichten. Und Skrupellosigkeit im Umgang mit Zahlen und Fakten ist bekanntlich nicht einmal ein Hindernis beim Aufstieg zum „mächtigsten Mann der Welt“, im Gegenteil.

Schwamm drüber. Denn schließlich ist da doch ein Hoffnungsschimmer, der grassierenden Vulgarität Einhalt zu gebieten - mag das Bild des Schimmers, der Einhalt gebietet, auch so schief sein wie die Weltlage: Die Fähigkeit des Menschen zu Güte und Barmherzigkeit, seine Hilfsbereitschaft, sein Bemühen, Gutes (nicht zu tun, aber) zu schaffen, die Energie und Selbstaufgabe, die er in die Aufzucht (sic) seiner Kinder steckt.

Wegen solcher Lichtblicke - abstrakt, aber immerhin unleugbar - lautet das Fazit, die Antwort auf die schwere und fragwürdige Frage nach dem Erhalt des Menschengeschlechts in der „Weltwoche“: Mal ja, mal nein (sic, sogar im Untertitel).

Die Abdankungserklärung des Denkens alias Weisheit des Herzens wird ergänzt durch ein Postskriptum, das Philosophen Ehre machen würde. Die Frage ist nämlich offengeblieben, wieso der Mensch überhaupt, seit er einen Hirnapparat auf seinen Schultern trägt, der zu Abstraktion und Bewusstsein fähig ist (sic), hartnäckig, so scheint es, ohne Unterlass stets von einer Welt träumte, die besser war, als jene, die er gerade bewohnte. Die weniger Leid, Schmerz, Ungerechtigkeit und all diese Dinge und mehr Menschlichkeit in sich trägt (sic). Mögen Sokrates, der Bischof von Chiapas und die Landgräfin von Thüringen, Mahatma Gandhi oder ein gewisser Jesus von all diesen Dingen geträumt haben, nie wurde dieser Traum wirklich wahr, immer blieb er auf der Strecke, immer war er bloss Illusion.

Seltsam fürwahr und unerklärlich, dieser Widerspruch zwischen der Verfassung des menschlichen Geistes - pardon, dem Mindset des Menschen -, der nicht und nicht aufhört, von einer besseren Welt zu träumen, und der Welt, wie sie halt nun mal ist.

Sei’s drum. Fade-out: Es ist jetzt zehn Uhr morgens, die Luft riecht frisch, der Regen auch, das letzte bisschen Sommer regnet gerade (fast ein Vers), ruhig scheint die Welt. Regentropfen plätschern, fallen von den Blättern. (In „Der Mensch erscheint im Holozän“, Seite 103f der Taschenbuchausgabe, tun sie das auch, vielleicht kennt der Feuilletonist der „Weltwoche“ von Frischs Erzählung doch mehr als den Titel. - Wieviele Bücher warten bei mir in den Regalen, dass ich sie lese! Hätte ich es getan, wenigstens ein paar von ihnen, wäre ich vielleicht weiser und hätte nicht Stunde um Stunde damit verbracht, einem Mindset auf den Grund zu gehen, das mich beklemmt.

Nicht Weisheit ist die Nonchalance, die Medien vom Schlag der „Weltwoche“ auszeichnet, nicht Hausverstand und nicht gesundes Augenmaß, wie die Eigenwerbung verkündet. Sie ist ein Zeichen unserer Zeit, erschreckend in seiner saloppen und zugleich biederen neudeutschen Vulgarität; sie macht Nachdenken zum Abstraktionssport, der es mit Fakten nicht so genau nehmen muss, und Hoffnung überflüssig.

Wird die Sprache vergewaltigt, was gilt dann der Mensch, das Wesen, das Sprache hat?